Er wollte ein Fest und baute einen Tempel

Geschichte

Aus dem Wunsch, einen Festabend spannend zu gestalten, ist Ofer Becker zu einem Experten für den salomonischen Tempel geworden.

Rund 450 unbezahlte Arbeitsstunden: So viel kostete den Unternehmensberater Ofer Becker eine Idee, die ihn nicht mehr losliess. Er ist Mitglied der jüdischen Gemeinde Minjan Brunau in Zürich, die letztes Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feierte. Als Mitglied des Vorstands verantwortete er den Jubiläums-Galaabend. Galas sind seine grosse Leidenschaft. «Ich mache immer etwas Spezielles», sagt der 62-jährige Vater dreier erwachsener Kinder. 

Auf langweilige Feste hat er keine Lust. An zu vielen war er schon, privat wie beruflich. «Am Schluss reden alle nur darüber, ob das Essen gut oder schlecht war. Ich will den Leuten aber ein Erlebnis bieten, das sie emotional berührt», sagt er. Das fehle in unserer Welt nämlich oft. 

Ich hatte schon immer viele bildliche Visionen, manche sind technisch noch gar nicht umsetzbar.
Ofer Becker

Ofer Becker empfängt bei sich zu Hause, wo er auch arbeitet. Gerade feiern die Juden und Jüdinnen Pessach, das an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten erinnert. An den acht Festtagen wird nur ungesäuertes Matzebrot gegessen. Auf dem Tisch steht für den Besuch Mohnkuchen aus Matzemehl. 

Inspiriert von den Grossen 

Becker hat beruflich viel mit Digitalisierung zu tun. Technische Neuerungen interessieren ihn. Besonders beeindruckt haben ihn die Hightech-Bildshows in der Zürcher Maag-Halle, etwa über den ägyptischen Pharao Tutanchamun. «Ich hatte schon immer viele bildliche Visionen, manche sind technisch noch gar nicht umsetzbar», sagt er.

Doch das hindert ihn nicht daran, seine Visionen zu verfolgen. Auch für den Galaabend im Betsaal seiner Gemeinde plante er etwas Besonderes. Gemeinsam mit einer Spezialfirma prüfte er verschiedene Ideen. Einiges scheiterte am Platzbedarf. So entstand die Idee, an eine 18 Meter lange Wand des Saals ein grossformatiges Video zu projizieren. 

Doch was zeigen? «Für unser Jubiläum fand ich es passend, unseren Mitgliedern zu zeigen, woher eigentlich die traditionelle Einrichtung jüdischer Betlokale kommt», erzählt Becker. Denn vielen Leuten sei nicht bewusst, dass diese auf den salomonischen Tempel zurückgehe.

Selbst gemacht ist besser 

Dieser erste jüdische Tempel soll auf dem Jerusalemer Tempelberg gestanden haben. Er ist biblisch überliefert, jedoch archäologisch bislang nicht belegt. Zuerst wollte Becker einen bereits bestehenden Film mit einer 3D-Rekonstruktion zeigen, doch die Inhaber der Rechte erteilten die Erlaubnis nicht. Zudem stellte Becker fest, dass die meisten Darstellungen des Tempels fehlerhaft waren. So beschloss er: «Dann machen wir unser eigenes digitales 3D-Modell und einen eigenen Film.»

So bin ich: Wenn mich eine Idee packt, dann ziehe ich sie durch.
Ofer Becker

Zuerst sammelte er mit einem Experten rund 250 schriftliche Quellen, die das Aussehen des Tempels und die Artefakte im Tempel beschreiben. Gemeinsam mit einem Programmierer baute er dann den Tempel quellengetreu nach. «Viele Nächte und Wochenenden gingen drauf», sagt Becker. Doch so sei er: «Wenn mich eine Idee packt, dann ziehe ich sie durch.» 

Wie sehr sich Becker in Projekte reinknien kann, verdeutlicht auch die Bar-Mizwa seines Sohnes, also das Fest zum Beginn der religiösen Mündigkeit. Ein Jahr dauerten die Vorbereitungen. Im Zentrum stand eine von Beckers besonderen Ideen: ein festliches Erlebnis zum Thema Fliegen mit authentischem Swissair-Mobiliar, Check-in, Abflugmonitor, Gates und Flugsimulator. 

Zur Website des Films «Salomons Tempel» von Ofer Becker.

Und das Tempel-Projekt? Das ist für Becker noch nicht abgeschlossen. «Ich würde gerne eine Immersivshow wie in der Maag-Halle machen», erklärt er. Dabei tauchen die Besucher und Besucherinnen mittels Rundumprojektionen in eine virtuelle Welt ein.