Im Herbst wird in drei Bundesländern gewählt, überall dürfte die AfD zulegen. In Sachsen-Anhalt könnte die dort vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische eingestufte Partei über 40 Prozent erreichen. Was passiert gerade in Deutschland?
Gert Pickel: Wir sehen einen Prozess, der sich seit 2015 auch in anderen Ländern Europas zeigt: den Aufschwung rechtspopulistischer oder rechtsextremer Parteien. Mit dem Thema Migration gelingt es diesen Parteien, einen Kontrapunkt zu den etablierten Parteien zu setzen. Das Kerngeschäft der AfD ist ein starker, völkischer Nationalismus, mit der Ablehnung der Globalisierung und der grünen Klimapolitik.
Dabei ist gerade in vielen ländlichen Gegenden Ostdeutschlands, in denen die AfD stark ist, die Quote an Migranten niedrig. Warum greift das Thema trotzdem?
Vor allem seit den grossen Flüchtlingsbewegungen 2015/2016 werden Narrative gestrickt. Verschwörungstheorien wie etwa der Austausch der Bevölkerung mit Muslimen. Diese Narrative gibt es auch in Frankreich oder den Niederlanden. Sie sind ein Ausgangspunkt für weitere Themen, etwa die Klimapolitik. Führen die Medien Fakten ins Feld, kommt der Vorwurf der «Lügenpresse». Viele Menschen haben sich von Fakten entkoppelt.
Die etablierten Parteien halten mehr oder minder an der Brandmauer gegen die AfD fest und die Partei aus Entscheiden und Regierungen heraus. Wie lässt sich rechtfertigen, einer so starken Partei die Zusammenarbeit zu verweigern?
Damit, dass die AfD eine undemokratische Partei ist. Sie bedient sich der Demokratie, um sie später zu untergraben. Und die Theorie, dass sich die Partei selbst entzaubert, ist fragwürdig. Schauen wir nach Ungarn: Viktor Orban hat es jahrelang geschafft, alles, was im Land nicht gut lief, der EU anzulasten. Es wird dann ein Sündenbock gesucht.
