Gleich viel Geld für den Frieden wie für die Verteidigung

Frieden

Am vergangenen Samstag diskutierten im Kloster Kappel Vertreter aus Armee, Politik, Wissenschaft und Kirche über eine Friedensinitiative. Mit dabei: Benedikt Roos, Chef der Armee. 

Wer sich über die Initiative «1 Prozent für den Frieden» informieren will, wird im Internet derzeit kaum fündig. «Es gibt noch kein Komitee, kein Geld und noch nicht einmal einen Text», sagt Andreas Nufer, Leiter des Klosters Kappel, am vergangenen Samstag in der gut besetzten Klosterkirche des reformierten Bildungshauses. 

Die Idee zur Initiative ist noch jung. Geboren wurde sie vor genau einem Jahr an der Veranstaltung «Schule des Friedens» im Kloster Kappel. Damals erwähnte Jürg Bräkker, Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten Schweiz, eine alte Tradition in den mennonitischen Gemeinden, ein Prozent des zur Verfügung stehenden Geldes für den Frieden zu verwenden. Bräkkers Votum stiess auf Resonanz und die Anwesenden beschlossen spontan, eine eidgenössische Volksinitiative zu lancieren. 

Den Faden weiterspinnen

An der diesjährigen «Schule des Friedens» wurde das Projekt nun einem grösseren Publikum vorgestellt. In Workshops und Gesprächen wurde am Ideenfaden weitergesponnen. Hauptprogrammpunkt war ein Podium am Samstagmorgen, an welchem Nufer mit Vertretern aus Armee, Politik, Wissenschaft und Kirche über Sinn und Umsetzung einer solchen Initiative diskutierte. 

Die Nationalrätin der Grünen Kanton Zürich, Marionna Schlatter, sprach sich klar für mehr friedensfördernde Massnahmen aus, denn wenn der Krieg da ist, sei es zu spät. «Es gibt dann nur noch Verliererinnen und Verlierer.» Sie kritisierte, dass über den Rohstoffhandelsplatz Zug indirekt Kriege finanziert werden und wünscht sich von der Schweiz desbezüglich eine weniger passive Rolle. 

Ich schlage vor, dass wir gleich viel für den Frieden ausgeben wie für die Armee
Marionna Schlatter, Nationalrätin Grüne

Schlatter erinnerte an den Beschluss des Bundesrats, das Verteidigungsbudget bis 2032 auf ein Prozent des Bruttoinlandprodukts zu erhöhen: «Ich schlage vor, dass wir gleich viel für den Frieden ausgeben wie für die Armee, nämlich 10 Milliarden Franken.» Das Publikum applaudierte das erste Mal. 

Politikwissenschaftler Laurent Goetschel von der Universität Basel sprach sich ebenfalls für die Initiative aus. Er wünscht sich, dass die Schweiz endlich eine Friedensstrategie entwickelt, die über sicherheits- und europapolitische Fragen hinausgeht. Dabei könnte untersucht werden, wie die Schweiz in den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Wissenschaft sowie durch die Unterstützung internationaler Netzwerke stärker zur Friedensförderung beitragen könne. Der Direktor von Swisspeace ist überzeugt, dass eine solche Friedensstrategie zur «identitäsmässigen und politischen Erneuerung der Schweiz beitragen würde».

Armeechef nennt sich Pazifist

Gegen eine Friedensstrategie hat auch der Chef der Armee, Benedikt Roos, nichts einzuwenden. Man habe aber bei der Erarbeitung der sicherheitspolitischen Strategie gesehen, wie schwierig es sei, alle Departemente einzubeziehen. Bei der Friedensstrategie wäre es möglicherweise noch schwieriger, gibt er zu bedenken. 

Bezugnehmend auf die von Schlatter vorgeschlagenen 10 Milliarden für die Friedensförderung sagt Roos, ihm gefalle nicht, wenn man versuche, «das eine gegen das andere auszuspielen. Mein Ansatz ist, das eine tun und das andere nicht lassen.» Eingangs des Podiums hatte sich der Korpskommandant sogar selbst als Pazifist bezeichnet, denn: «Eine Milizarmee muss die Voraussetzungen schaffen, dass Frieden möglich ist.» 

Ich wünsche mir eine stärkere Stimme der Religionen für den Frieden
Margot Kässmann, ehemalige Bischöfin der evangelischen Kirche Hannover

Abschliessend fragte Podiumsleiter Nufer in die Runde, welche Rolle den Religionsgemeinschaften in der Friedensförderung zukommt. Die ehemalige Bischöfin der evangelischen Kirche Hannover, Margot Kässmann, ist überzeugt, dass alle Religionen gemeinsam für den Frieden eintreten könnten. Derzeit erstarke allerdings der religiöse Fundamentalismus und dieser diene nie dem Frieden. 

Kässmann, Autorin des 2026 erschienenen Buchs «Warum ich Pazifistin bleibe», glaubt, jeder Mensch sei ein Geschöpf Gottes. Niemand habe das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen, das Gott ihm geschenkt habe. «In diesem Sinne wünsche ich mir eine stärkere Stimme der Religionen für den Frieden.» Zum wiederholten Mal an diesem Samstagmorgen applaudiert das Publikum. 

Zivile Friedensförderung nötig

Zwar beschreibt Artikel 54 Absatz 2 der Bundesverfassung die Friedensförderung als ein Teil der Aufgaben des Bundes. Ihre Finanzierung stehe aber in keinem Verhältnis zu den Ausgaben, welche der Armee zur Sicherung und Erhaltung des Friedens zukomme, sind Jürg Bräker von den Mennoniten Schweiz und Res Peter, Zürcher Kirchenpflegepräsident, überzeugt. «Die zivile Friedenskultur muss stärker erforscht und gefördert werden und ein Schwerpunkt der Schweizer Politik sein.» Bräkker und Peter leiteten im Kloster Kappel ein Werkstattgespräch zur Volksinitiative «1 Prozent für den Frieden».