Zerstäubte Träume

Dokumentation

Die Zürcher Kirchen zeichnen am Zurich Film Festival die Dokumentarfilm «Colors of White Rock» aus. Er entfaltet prophetische Kraft, indem er den Ausgebeuteten eine Stimme gibt.

Der Film beginnt mit einem Gebet. Es ist ein Reisesegen, den sich die Lastwagenfahrerin Maikhuu selbst zuspricht im Niemandsland der Wüste Gobi. Die Landschaftsbilder, mit denen Khoroldorj Choijoovanchig seinen eindrücklichen Dokumentarfilm «Colors of White Rock» eröffnet, sind eine Wucht.

Das gelobte Land

Für Maikhuu und für alle anderen Fahrer, Arbeiter und Verkäufer, die entlang der sich durch das Niemandsland schlängelnden Kolonne nach einem wirtschaftliches Auskommen suchen, ist die Wüste das gelobte Land: Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. 

In die Erde gesprengte Kohlegruben brechen wie staubige Krater in Maikhuus Kindheitslandschaft ein, in der die Nomaden früher ihre Herden weideten. Im Kampf um die nächste Ladung liefern sich die Fahrer tödliche Rennen, wenn sie nicht tagelang im Stau stehen, in der erbarmungslosen Hitze des Sommers und der bitteren Kälte des Winters.

Die versehrte Schöpfung

An der zynischen Logik des fossilen Kapitalismus zerschellen ihre Träume. In der Mongolei, die Kohle und Edelmetalle nach China exportiert, vollzieht sich die doppelte Ausbeutung, die Mensch und Schöpfung dauerhaft versehrt.

Mit «Colors of White Rock» hat die ökumenische Jury des Filmpreises der Zürcher Kirchen ein Werk mit aufrüttelnder Kraft ausgezeichnet. Dotiert ist der Preis mit 10 000 Franken. An der Verleihung vom 1. Oktober betonte die reformierte Kirchenratspräsidentin Esther Straub, dass biblische Texte vom Erzählen leben. Sie berühren und verwandeln, werden neu interpretiert und ziehen sich wie Rinnsale der Erfahrung und Weisheit durch die Menschheitsgeschichte.

Der machtlose Prophet

Im biblischen Licht erscheint der Gewerkschafter, der behutsam zur wichtigsten Nebenfigur aufgebaut wird, als Prophet. Er wird gerufen, wenn ein Chauffeur von chinesischen Grenzbeamten verprügelt wurde oder ein übermüdeter Fahrer bei einem Unfall stirbt. Derweil ist Maikhuu, die als alleinerziehende Mutter ihren Kindern eine bessere Zukunft verspricht, Erzählerin und unbeugsames Opfer zugleich.

Die Lastwagenfahrer bilden eine Schicksalsgemeinschaft, die in einem System, das sich von menschlichen Bedürfnissen zusehends entfremdet, die Menschlichkeit immer wieder aufleuchten lässt. Die Auftraggeber versuchen freilich die Solidarität zu ersticken, indem sie Konkurrenz und Abhängigkeit schüren.

Sichtbarkeit der Unsichtbaren

Er werde immer für seine Fahrer kämpfen, sagt der Gewerkschafter. Sein Kampf besteht im Sichtbarmachen der Unsichtbaren. Den gleichen Dienst fern der Arroganz des Urteils tut Regisseur Choijoovanchig, der auch die Widerstandskraft und tief verwurzelte Spiritualität seiner Hauptfigur ins Licht rückt.

Wie jeder Prophet ist der Gewerkschafter machtlos. Seine Ohnmacht ist die Freiheit, die ihn vor der Korruption bewahrt.

Propheten sind Chronisten. Ihre Anklage ist die Beschreibung. Umkehren müssen nicht die Ausgenutzten, die in der Hoffnung, dem Elend zu entkommen, in der Kolonne stehen und wie Maikhuu erkennen, dass «es in die falsche Richtung geht». Umkehren müssen die Mächtigen und jene, die von der Ausbeutung profitieren. Das zeigt dieser Film, so steht es in der Bibel.