Amira Hafner Al-Jabaji und Noa Zenger, Sie sind beide mitten in der muslimischen, respektive christlichen Fastenzeit. Worauf verzichten Sie alles?
Amira Hafner Al-Jabaji: Mein Fasten beginnt noch vor der Morgendämmerung. Ich stehe auf und esse ein Frühstück, das variieren kann: mal ausgiebig, mal bloss eine Kleinigkeit. Manchmal trinke ich auch nur etwas. Ab dem Moment des frühen Morgengebets esse und trinke ich nichts mehr bis zum Sonnenuntergang, wenn es Zeit für das Abendgebet ist. Zudem pflege ich eine bewusste Achtsamkeit in Sprache und Verhalten. Ich faste nun schon seit rund 40 Jahren. Der Ablauf ist immer derselbe, dennoch fühlt es sich jedes Mal anders an.
Inwiefern?
Amira Hafner Al-Jabaji: Der Ramadan verschiebt sich im Sonnenkalender jedes Jahr um etwa zehn bis elf Tage nach vorne, man fastet also zu unterschiedlichen Jahreszeiten, im Sommer sind die Tage lang und oft heiss. Zudem bin ich in jeder Lebensphase in einer anderen Situation: als Teenager, während des Studiums, als junge Ehefrau, während einer Schwangerschaft oder in der Prämenopause. Es bleibt zwar im Kern gleich, aber es fühlt sich jedes Mal anders an. Das finde ich spannend.
Noa Zenger: Mein Fasten sieht anders aus als deins, Amira. In den 40 Tagen vor Ostern verzichte ich auf Alkohol und versuche Süssigkeiten wegzulassen. Zusätzlich faste ich drei- bis viermal im Jahr intensiver. Dann esse ich während acht Tagen fast nichts. Ich baue die Nahrung langsam ab, lasse zunächst Eiweisse weg, dann wird der Darm entleert. Während der acht Fastentage nehme ich nur eine dünne Suppe und ein Glas frisch gepressten Saft zu mir. Danach folgt eine fünftägige Aufbauphase. Insgesamt dauert dieses Fasten etwa zwei Wochen.
Ist das in erster Linie also ein Verzicht zugunsten der Gesundheit?
Noa Zenger: Ich sehe drei Dimensionen. Da ist zunächst die gesundheitliche, ich möchte meinem Körper etwas Gutes tun. Das ist auch ein wichtiger Fokus, wenn ich Menschen beim Fasten begleite. Die zweite Dimension ist die spirituelle: Ich erlebe während intensiver Fastenzeiten eine besondere Durchlässigkeit und nehme meine Umgebung anders wahr. Drittens gibt es eine soziale und ökosoziale Dimension. Ich reflektiere meinen Lebensstil und frage mich, was meinem tiefsten Inneren entspricht und wo ich davon abweiche. Ich richte den inneren Kompass wieder aus.