Glaube 29. September 2026, von Noemi Harnickell/Kirchenbote

Team Maria

Theologie

Mit dem Videoformat «Team Maria» bringt Femmes Protestantes feministisch-theologische Inhalte auf TikTok und Instagram. Mit dem Pilotprojekt will die Kirche junge Leute erreichen.

«Kennsch d Maria us Magdala?» Vor einem rosaroten Hintergrund erzählt eine junge Frau in die Kamera, wie aus einigen wenigen Bibelstellen die Figur Maria Magdalena geschaffen wurde: «Bei guten Geschichten, auch den biblischen, ist es ja so: Wenn sie wenig erzählen, aber genug andeuten, bleibt Raum zum Weitererzählen. Eigentlich ganz ähnlich wie Fanfiction.» 

Das ganze Video ist weniger als eine Minute lang, bringt jedoch wichtige theologische Fragen auf den Punkt: Wer war Maria Magdalena? Und warum hält sich ihr Bild als Hure bis heute so penetrant?

Reizwort bringt Reichweite

Das Videoprojekt «Team Maria» wurde im Februar 2026 vom Dachverband Femmes Protestantes, ehemals Evangelische Frauen Schweiz, auf Social Media lanciert. Bibelinhalte auf TikTok und Instagram? 

Das funktioniert: Sogenannte «Christfluencer:innen» haben sich auf den Plattformen schon lange etabliert und erzielen mit konservativen und fundamentalistischen Inhalten teilweise grosse Reichweite. Mit «Team Maria» will Femmes Protestantes biblische und kirchliche Themen an ein jüngeres Publikum tragen und dabei einen progressiven Gegenpol setzen.

Das Projekt findet Reichweite: Bis zu 13000-mal wurden manche Videos auf TikTok bereits aufgerufen. Das Video «Hure vs. Heilige» wurde auf Instagram über 5000-mal angeschaut.

Handwerk und Fachwissen

Das «Team Maria» besteht aus vier Frauen: Elsa Horstkötter, Co-Geschäftsleiterin von Femmes Protestantes, Melanie Muhmenthaler und Leila Thöni, beide im Vorstand der IG feministischer Theologinnen, und Content-Creatorin Liv Wetli. Gemeinsam sind sie verantwortlich für Inhalt, Konzeption und Umsetzung der Videos. Die Idee hatte Elsa Horstkötter vor zwei Jahren, als ihr auffiel, wie wenig junge Menschen im kirchlichen Umfeld anzutreffen sind. Warum also diese Generation nicht dort aufsuchen, wo sie sich zu grossen Teilen aufhält?

Horstkötter stellte erfolgreich einen Antrag beim Erprobungsfonds der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, um die Startphase zu finanzieren, und holte sich mit Muhmenthaler und Thöni zwei Expertinnen der feministischen Theologie an die Seite. Gemeinsam casteten sie Liv Wetli, die nicht nur vor der Kamera einen guten Eindruck macht, sondern als ausgebildete Dokumentarfilmerin die Videos auch schneidet.

Aufwendige Produktion

Jeden Monat werden insgesamt sieben Videos auf TikTok und Instagram geladen, abwechselnd in deutscher und französischer Sprache – mit Untertiteln in beiden Sprachen! Hinter einem einzigen Video stecken rund 25 Stunden Arbeit. Finanziert wird das Ganze zusätzlich unter anderem durch die Reformierte Kirche Zug und die Deutschschweizer Kirchenkonferenz. Verschiedene Frauenvereine haben sich im Rahmen ihrer Möglich­keiten ebenso beteiligt.

«Der Produktionsprozess ist aufwendig», sagt Horstkötter. Es fange schon bei der Themenrunde an: «Oft merken wir, dass ein einziges Video für ein Thema gar nicht reicht, weil wir so vieles erklären müssen.» Um ein breites Publikum zu erreichen, müssen sie oft bei null an­fangen. Man könne zum Beispiel nicht voraussetzen, dass die Leute wissen, was an Ostern gefeiert wird, wer Maria Magdalena war oder was überhaupt feministische Theologie ist. 

So erklärt Liv Wetli in einem Video etwa auch, was eigentlich der Begriff «Intersektionalität» bedeutet – nämlich, dass «verschiedene Bereiche, die separat gedacht werden könnten, miteinander verbunden werden und einander einschliessen».

Üble Kommentare

Die Videos lösen in den Kommentarspalten zuweilen Kontroversen aus. Unter dem Video «Hure vs. Heilige», in dem es darum geht, wie Frauen in einer patriarchalen Erzählstruktur oft nur das eine oder das andere sein können, kommentierte jemand: «Halt’s Maul, Maus!» 

«So was», sagt Horstkötter, «muss direkt weg. Es greift Liv persönlich an und ist nicht konstruktiv.»

Dennoch könne sie die starken Gefühle auch verstehen. «Die Weltlage ist gerade so komplex. Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die im Glauben Halt finden, nicht noch mit etwas Neuem durcheinandergebracht werden wollen», sagt sie. «Und gleichzeitig denke ich: Wer’s nicht mag, soll eben etwas anderes anschauen.» 

Leila Thöni sieht gerade darin auch die Wichtigkeit einer breiteren Diskussionskultur. «Wir müssen auch die unangenehmen Gespräche führen», sagt sie, «solange diese nicht beleidigend sind.»

Kein Schwurbel-Content

Elsa Horstkötter hofft, dass die Videos irgendwann auch im Religions- und Konfirmationsunterricht Einsatz finden. «Ich beobachte bei vielen jungen Menschen, dass sie Halt suchen», sagt sie. «Und ihre Lebensrealität ist digital. Darum finde ich es spannend, zu versuchen, sie auf diesem Weg zu erreichen und ihnen eine Alternative zum Schwurbel-Content zu bieten.» 

Melanie Muhmenthaler geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie sieht in «Team Maria» eine Chance für die Landeskirchen, anders wahrgenommen zu werden. «Auf Social Media gibt es sehr viele konservative Inhalte, die sehr reichweitenstark sind», sagt sie. «Wir zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, Christin zu sein.»

Nach zwei Jahrtausenden, in denen Maria Magdalena immer wieder als Sünderin und Hure dargestellt wurde, hat sie endlich ein Team, das für sie einsteht. Und immerhin: Auch zweitausend Jahre nach ihrem Tod wird in den Kommentarspalten noch über sie gestritten. Reichweite, könnte man sagen, hatte sie also schon immer.