Eine Kirche für neue Wirklichkeiten

Reform

Die Reformierte Kirche Aargau verliert Mitglieder und damit Handlungsspielraum. Eine Arbeitsgruppe schlägt einen Umbau vor: von der Ortsgemeinde zur Netzwerk-Kirche.

 Die Reformierte Kirche Aargau steht unter starkem Druck. Innert 20 Jahren hat sie einen Drittel ihrer Mitglieder verloren. Ende 2025 zählte sie 128 778 Personen, in fünf Jahren dürften es bloss noch rund 100 000 sein. Die Folgen: weniger Steuereinnahmen bei gleichbleibenden Aufgaben, weniger Personal, weniger Freiwillige, zudem unbesetzte Sitze in den Kirchenpflegen. Der Handlungsspielraum vieler Kirchgemeinden ist sehr eng geworden.  

«Die Massnahmen reichen nicht», sagte der Wettinger Pfarrer Lutz Fischer im August bei der Präsentation eines neuen Modells im Badener Kirchgemeindehaus. Immer weniger Mitwirkende müssten die gleichen Aufgaben bewältigen, Angebote würden abgebaut, Gebäude zur Last. «Wir dürfen nicht warten, bis nichts mehr geht und wir zu Veränderungen gezwungen sind. Jetzt können wir die Zukunft gestalten.» 

Viel mehr als Fusion

Die Debatte über die Organisationsform der Kirche hatte Fischer selbst vor zwei Jahren mit einem Blogbeitrag angestossen. Darin schlug er vor, alle 74 Aargauer Kirchgemeinden zu einer einzigen zusammenzuführen, statt weiter Ressourcen in Fusionen mit Nachbargemeinden zu investieren, um bald wieder vor gleichen Problemen zu stehen. 

Wir dürfen nicht warten, bis nichts mehr geht und wir zu Veränderungen gezwungen sind.
Lutz Fischer, Pfarrer und Mitglied Arbeitsgruppe

Seine Idee führte zur Gründung einer Arbeitsgruppe mit Leuten aus Kirchgemeinden und Verwaltung. Diese stellte nun in Baden ein Konzept vor, das weit über Fusionen hinausgeht und einem historischen Paradigmenwechsel gleichkommt. 

Der Ansatz: Interessierte Kirchgemeinden schliessen sich zu einer grösseren Einheit mit mindestens 15 000 Mitgliedern zusammen, und sie teilen sich eine Kirchenpflege und eine professionelle Geschäftsleitung. Die uralte Logik der «Kirche im Dorf» und ihrer Autonomie würde aufgebrochen. Nicht mehr der Ort soll im Zentrum stehen, sondern die Aufgabe.

Die Nachfrage bestimmt

Statt wie bisher als einzelne Kirchgemeinde das ganze Angebot aufrechtzuerhalten, organisieren sich Mitarbeitende und Freiwillige künftig in Themen-Netzwerken, etwa zu Jugend, Familienkirche, Bildung oder Alter. Die Kirchenpflege definiert die Ziele, Budget, Stellen und Standorte, und die Netzwerke entwickeln weitgehend selbstständig die konkrete Arbeit.

In einem Netzwerk «Alter» könnten zum Beispiel Sozialdiakone und Interessierte Projekte gemeinsam entwickeln. Ein Anlass müsste nicht mehr in jeder Kirchgemeinde neu konzipiert werden, sondern würde von denselben Personen an verschiedenen Orten organisiert – nur noch dort, wo genügend Nachfrage besteht. Andernorts könnten sie verschwinden, doch das würden sie auch, wenn die Kirche ihre jetzige Organisationsform beibehält. 

Gemeinden für Pilotprojekt gesucht

Ein solches Modell verlangt von Ordinierten und Freiwilligen mehr Mobilität, allenfalls auch von Mitgliedern. Dafür wären die Angebote vielseitiger und professioneller. Die Mitarbeitenden müssten nicht mehr Generalisten sein, sondern könnten stärker auf ihre Fähigkeiten fokussieren.

Am Badener Anlass betonten die Organisatoren, dass das Konzept kein fertiges Rezept sei und noch vieles offen. Im Publikum kam es aber gut an, die Voten zeigten Aufbruchstimmung. Auch die designierte Kirchenratspräsidentin Catherine Berger erhob sich spontan: «Wir müssen eine vielfältige Kirche bleiben. Mit diesem Modell können wir das.» Nun werden Kirchgemeinden gesucht, die einzelne Elemente in einem Pilotversuch erproben. 

Tatsächlich waren nur aus 17 von 74 Aargauer Kirchgemeinden Vertreter anwesend. Fragt sich, was die Abwesenheit der übrigen Gemeinden bedeutet