Nachwehen einer Abstimmung

Kirche

Äussert die Kirche sich zu politischen Fragen, erntet sie Kritik. Wenn sie schweigt, auch. Die Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz sucht Kriterien für Stellungnahmen.

Es war der Tag nach dem Abstimmungssonntag, an dem die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in einem schmucklosen Konferenzsaal in Bulle über Kriterien für politische Stellungnahmen debattierte. Zur abgelehnten Initiative der SVP, welche die Bevölkerungszahl in der Schweiz auf zehn Millionen Personen beschränken wollte, hatte die EKS geschwiegen, obwohl das Asylrecht auf dem Spiel stand. 

Auf Anfrage von «reformiert.» hatte EKS-Präsidentin Rita Famos in einem Interview den Verzicht damit begründet, dass die Kirche von der Initiative «als Institution nicht unmittelbar betroffen» sei.  

Werte auf dem Spiel

Die Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub reagierte mit einer Interpellation. Sie betonte, die EKS habe sich in ihre Verfassung geschrieben, dass sie sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einsetze. «Sie muss Stellung beziehen, wenn diese Werte auf dem Spiel stehen.» 

Auch die Thurgauer Kirchenratspräsidentin Christina Aus der Au zeigt sich gegenüber «reformiert.» irritiert, dass die EKS die Halbierung der Fernsehgebühren zur Ablehnung empfahl, weil sie um ihre mediale Präsenz fürchtete, «zu einer ausländerfeindlichen Initiative» aber geschwiegen hat. «Diese Diskrepanz ist frappant.»   

Integrative Kraft gefährdet

Rückendeckung bekam die EKS von Judith Pörksen. Sie sei präsent im öffentlichen Diskurs, sagte die Berner Synodalratspräsidentin. «In der Kirche müssen verschiedene politische Positionen Platz haben.»   

Rita Famos betont, dass es keine starren Kriterien für Stellungnahmen gibt. «Der Rat wägt sorgfältig ab, ob und wie er sich äussert.» Bei Vorlagen, die in der Kirche stark polarisieren, plädiert die EKS-Präsidentin für eine gewisse Zurückhaltung. «Nur so kann es gelingen, gesprächsfähig zu bleiben, statt zusätzlich zu spalten.» Deshalb gelte es stets zu prüfen, ob die Kirche mit einer Positionierung «die integrative Kraft riskiert». Die Initiative sei auch weit über das Lager der SVP hinaus auf Zustimmung gestossen.

Position und Diskussion

Den Raum für Debatten öffnen will freilich auch Straub. «Wir brauchen Positionen und Diskussionen.» Seit der teilweise heftigen Kritik an der Kirche im Abstimmungskampf um die Konzernverantwortungsinitiative wirke die EKS eingeschüchtert. 

Famos widerspricht: «Wir sind nicht schweigsam, sondern aktiver geworden.» Der Rat antizipiere lange vor Abstimmungen, welche Debatten anstehen und mit welchen Formaten er sie bereichern könne.

Der Spagat

Die Diskussion in der Synode erlebte die EKS-Präsidentin als «sorgfältige Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich die Kirche in den politischen Diskurs einbringen kann».

Auch Christina Aus der Au attestiert Rita Famos, dass sie gewissenhaft abwägt, wie sie sich einbringt. «Sich klar zu positionieren und andere Meinungen zu akzeptieren, bleibt für die EKS ein Spagat.» Für die Landeskirchen sei er ebenso anspruchsvoll. «Wir hätten ja auch zur Initiative Stellung nehmen können.»  

Anwaltschaft und Reflexion

Pointiert äusserte sich hingegen das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). Sein Stiftungsratspräsident Walter Schmid rechtfertigte die Nein-Kampagne: «Heks versteht sich als Interessensvertreter der Schwachen und will auch die strukturellen Ursachen von Ungerechtigkeit, Armut und Krieg ansprechen.» Die Volkskirche hingegen wolle ein Ort der Kontemplation und Reflexion für alle sein. «Solche Unterschiede dürfen sein.»   

Die nächste Debatte steht spätestens an, wenn die zweite Version der Konzernverantwortungsinitiative vor das Volk kommt. Sie will Unternehmen für Umweltschutzstandards und Menschenrechte in ihren Lieferketten in die Pflicht nehmen. Das Heks gehört zum Initiativkomitee. «Die Initiative berührt zentrale ethische und gesellschaftliche Fragen», sagt Famos. Und die EKS setze sich weiterhin entschieden für die Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung ein.