«Ich hörte die Hilfeschreie»

Seelsorge

Ein Brand und ein Carunglück: Der Bündner Pfarrer und Notfallseelsorger Jörg Wuttge war zuletzt gleich doppelt in einem anspruchsvollen Einsatz. Er erzählt vom Ausnahmezustand.

In der Nacht auf den 11. September im Unterengadin ein Reisecar verunglückt. Waren Sie vom Care Team Grischun im Einsatz?

Jörg Wuttge: Ja, aber in diesem Fall wurden nur 2 Leute aus unserem Team aufgeboten. Denn der Grossteil der Verletzten wurde direkt in die umliegenden Spitäler gebracht und war somit zunächst versorgt.

Als Notfallseelsorger waren Sie auch beim Grossbrand in Thusis, Graubünden, am 21. August, im Einsatz. Wie erlebten Sie diese Nacht?

Da ich selbst Pfarrer in Cazis und am Heinzenberg bin und in Thusis wohne, war ich unmittelbar vor Ort. Das ist natürlich nicht der Regelfall. In der Nacht hörte die Hilfeschreie, denn der Unglücksort ist bloss 300 Meter von meinem Haus entfernt. Dann sah ich aus dem Wohnzimmerfenster riesige Flammen lodern. Ich zog mich an, schloss den Versammlungsort unter der Kirche auf und dann kam auch schon der Anruf.

Jörg Wuttge

Der Pfarrer Jörg Wuttge ist Präsident der Kirchenregion Heinzenberg-Domleschg. Der Theologe ist auch als Notfallseelsorger im Einsatz. 

Welcher Anruf?

Er kam aus der Sanitätsnotrufzentrale 144. Der Einsatzleiter vor Ort schaut, welche Hilfe er braucht und bietet dann via der Nummer 144 auch das Care Team Grischun auf. Dann geht bei uns im Team der Einsatz ein und wir müssen entscheiden, ob wir gehen können oder nicht. Da wir ein Milizsystem haben, kann es natürlich auch mal sein, dass ich nicht einsatzbereit bin. 

Und dann wie ging der Einsatz für Sie weiter?

Als ich dann am Unglücksort ankam, einem Gebäudekomplex mit Restaurant und Wohnungen, meldete ich mich beim Einsatzleiter. Dieser informierte mich über die aktuelle Situation und gab mir den Auftrag, alle Menschen, die eine grüne Karte umhängen haben, zu sammeln und vom Unfallort wegzubringen. Die grüne Karte bedeutete, dass die Menschen aufgrund einer Triage als unverletzt eingestuft wurden. Eine orange, rote oder violette Karte wären ein ernster medizinischer Notfall.

Haben Sie dann allein weitergemacht?

Nein. Als erster Care Giver vor Ort hatte ich den Lead und musste die Lage schnell einschätzen und schauen, ob ich zusätzliche Hilfe brauchte. In dem Fall rief ich nachts um viertel vor eins wieder die Notrufzentrale an und bat um Unterstützung.

Brand und Unfall

In der Nacht vom 21. auf den 22. August brach in Thusis in einem Gebäude mit einem Restaurant und mehreren Wohnungen ein Feuer aus. Vier Menschen kamen dabei ums Leben, 14 weitere konnten sich retten; acht Personen wurden verletzt, zwei davon schwer. Das Gebäude wurde stark beschädigt, unter anderem stürzte das Treppenhaus ein. Die genaue Brandursache wird weiterhin untersucht. Am 10. September starben fünf Menschen, als ein Reisecar, der von Zernez in Richtung Susch unterwegs war, bei einer Baustelle von der Strasse abkam und seitlich umkippte. Die Staatsanwaltschaft Graubünden hat ein Verfahren gegen den Chauffeur eröffnet, was in solchen Fällen üblich ist. 

Was war dann die Aufgabe des Care Teams Grischun, als die Menschen an dem Versammlungsort waren?

Zunächst haben wir die Personalien der Menschen aufgenommen. Das lenkt schon etwas ab, wenn diese sich auf die Angabe der Telefonnummer beispielsweise statt auf das Unglück konzentrieren müssen. Dann führten wir erste Gespräche. Die Betroffenen haben einen starken Redebedarf, wollen am liebsten zur Unfallstelle zurück, um Informationen zu bekommen. Unsere Aufgabe ist es, sie eben von dort fernzuhalten mit Gesprächen und Begleitung, damit die Einsatzleitung Freiraum hat zum Arbeiten.

Wie lange ging denn der Einsatz?

Bis in die frühen Morgenstunden. Wir mussten dann als Care Giver vor allem organisieren:  Decken zum Beispiel, weil viele der Menschen ja vom Feuer in der Nacht überrascht wurden. Dann haben wir Getränke und etwas zu essen bereitgestellt und geschaut, dass die Betroffenen einen Schlafplatz für die nächsten Nächte haben. Ausserdem kontaktierten wir Vertraute, Freuden und Familie, die emotionale Nähe geben konnten.

Waren unter den Betroffenen auch Menschen, die einen Angehörigen vermissten?

Ja. Und das ist dann besonders schwierig für die Menschen. Das Abwarten. Die Ungewissheit. Da stehen wir dann jedoch an ihrer Seite und zeigen: Du bist nicht allein.  

Was braucht es, um Care Giver oder Notfallseelsorger zu sein?

Ruhe, Übersicht und ein geklärtes Verhältnis zur Sterblichkeit. Dass man sich selbst mit dem Thema Tod und Sterben auseinandergesetzt hat. Dann sollte man unangenehme Situation aushalten können. Und manchmal weisst du als Care Giver schon mehr als die Angehörigen selbst und darfst es dennoch nicht sagen. Da braucht es eine enorme Selbstkontrolle.