Wunden heilen, Narben bleiben

Seelsorge

Geflüchtete Menschen sind oft schwer traumatisiert. Ihre Wunden heilen lange nicht und wirken sich auf die Gesellschaft aus. Trauma-sensible Begleitung ist deshalb dringend nötig. 

Der Spaziergang aus dem Bundesasylzentrum (BAZ) in Brugg endete für den jungen Mann aus dem Sudan in einer Panikattacke. Die Seelsorgerin hatte ihm empfohlen, frische Luft zu schnappen, um sich zu entspannen. Doch als er neben der Anlage die Soldaten sah, raste sein Herz. Der Übungsplatz der Schweizer Armee löste in ihm schreckliche Erinnerungen an den Krieg in der Heimat aus. Er rannte zurück in die Unterkunft und legte sich schwer atmend auf sein Bett. 

Irmgard Keltsch erzählt diese Geschichte im Speisesaal des BAZ, der nach dem Frühstück fast leer ist. Nur wenige Männer trinken Tee, einige plaudern zusammen, andere starren auf ihre Handys. Die meisten haben Ähnliches wie der junge Sudanese erlebt: Krieg, Verfolgung, Flucht. Für diese Menschen ist Keltsch da. Die reformierte Pfarrerin ist im Auftrag des Ökumenischen Seelsorgediensts einmal pro Woche hier, um zuzuhören. Traumatisiert seien fast alle Geflüchteten, mit denen sie spreche, sagt Keltsch. «Und zwar mehrfach.»

Ein Geräusch löst Panik aus 

Was Seelsorgende in den Asylzentren täglich erleben, hat die Wissenschaft seit dem Zweiten Weltkrieg zunehmend beschäftigt. Traumata gehören zu den am besten erforschten Phänomenen der Psychologie.  Auch nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien und weiteren Konflikten untersuchten Forscherinnen und Forscher immer systematischer, was extreme Erlebnisse mit der menschlichen Psyche machen. 



Traumatisiert sind fast alle Ge­flüchteten. Und zwar mehrfach.
Irmgard Keltsch, Seelsorgerin Bundesasylzentrum Brugg

Traumata betreffen viele Menschen, bei Geflüchteten aber schichten sie sich: Krieg, Folter, Gewalt im Heimatland, Hunger und Todesangst auf der Flucht. Und die Notlage ist so akut wie kaum je zuvor: Mehr als 120 Millionen Menschen sind zurzeit weltweit auf der Flucht. 

Die Symptome sind so zahlreich wie unterschiedlich: Schlaflosigkeit, Flashbacks, Angst, Albträume. Erinnerungen können so stark sein, dass der Körper nicht zwischen damals und jetzt unterscheidet, sich alles wie während des schlimmen Ereignisses anfühlt. Als Auslöser genügen ein Geräusch, ein Geruch. 

Suchen nach dem, was trägt 

Die Forschung zeigt, dass die Wunden nicht in einer Generation verheilen. Studien mit Nachkommen von Überlebenden des Holocaust etwa weisen nach, dass sich Traumata biologisch einschreiben können. Solche sogenannte epigenetische Veränderungen beeinflussen manchmal bereits vor der Geburt, wie das Stresshormon eines Kindes traumatisierter Eltern reagiert. 

Mitten in dieser Not bildet die Seelsorge in den Bundesasylzen-tren ein erstes Auffangnetz. Die Landeskirchen tragen den Dienst gemeinsam, seit drei Jahren sind auch muslimische Fachpersonen tätig. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger sind die Ersten, die zuhören, da, wo der Weg der Geflüchteten durch die Schweizer Bürokratie beginnt. 

In dieser frühen Phase geht es nicht darum, Traumata aufzuarbeiten, sondern die Menschen zu stabilisieren. Deshalb hole sie nicht die Schreckensgeschichten hervor, sagt Keltsch. «Vielmehr probiere ich herauszufinden, was eine Person bis hierhin getragen hat.» Auch fragt sie, was ihr früher Spass machte, holt schöne Erinnerungen hervor. «Ein Mann gestand mir verschämt, er tanze so gern, aber heimlich, weil das ein Mann nicht tue.» Solche Momente seien der Anfang von etwas, worauf sich aufbauen lasse. 

Wissen weitergeben 

Im Asylbereich sei die Sensibilität für Traumata gewachsen, sagt Sara Michalik, die vor zehn Jahren den Aargauer Verein Psy4Asyl gründete. Darin engagieren sich über 50 Fachleute: Psychologinnen, Kunst- und Körpertherapeuten. Finanziert wird er durch den Kanton und Spenden, auch von Kirchen. 

Ein solch umfassendes Angebot für Geflüchtete ist schweizweit die Ausnahme, der Zugang zur psychologischen Versorgung kantonal sehr unterschiedlich. Anders als die Seelsorge begleitet Psy4Asyl Geflüchtete über eine längere Zeit.

Meine Mission ist, möglichst vielen Menschen traumasensibles Wissen weiterzugeben. Denn nur ein Bruchteil der Betroffenen findet den Weg zu einer Fachperson.
Sara Michalik, Gründerin Psy4Asyl

Zudem schult der Verein Betreuungspersonen, Lehrkräfte und Freiwillige, erklärt, was Traumata mit Menschen machen, und vermittelt einfache Techniken zur Stabilisierung. «Meine Mission ist, möglichst vielen Menschen traumasensibles Wissen weiterzugeben», sagt Michalik. Denn nur ein Bruchteil der Betroffenen findet tatsächlich den Weg zu einer Fachperson.

Die Strukturen verbessern 

Die Folgen gehen weit über das Individuelle hinaus. «Das wirkt in Familien, in Schulen, in die ganze Gesellschaft», sagt die Psychologin. 

Was die Forschung auf biologischer Ebene zeigt, erlebt Michalik täglich in ihrer Praxis: Eltern, die zur Therapie kommen und Kleinkinder mitbringen. Schon bald wird deutlich, dass auch die Kleinen tragen, was die Eltern erlebt haben, ohne es benennen zu können. Darum ist sie überzeugt: Neben einer traumasensiblen Begleitung von Geflüchteten brauche es menschenwürdige Strukturen. Aber die Menschen leben auf engstem Raum, teilweise unterirdisch, ganze Familien in einem Raum, ohne Beschäftigung und Arbeit, oft über Jahre. Es fehle an Rückzugsmöglichkeiten, einem Spielzimmer für Kinder. 

Die Geschichten, die Michalik täglich hört, sind tragisch, doch sie erlebt immer wieder, wie sich etwas löst, die Therapie wirkt. Einen Afghanen, schwer traumatisiert und ohne gesicherten Aufenthalt, den sie länger begleitete, hat sie nie vergessen. Er absolvierte eine Lehre und schloss sie als Bester seines Berufs ab. Er sei mit dem Zeugnis zu ihr gekommen, erzählt sie. Stolz und voller Freude sagte er: «Ich habe es geschafft.»